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" Wundervolle Vielfalt - Betrachtungen über die Crufts 2010 "

England ist für bürgerliche Disziplin und speziell für das disziplinierte „Schlangestehen“ seiner Einwohner weltweit bekannt und auch die englischen Türsteher im NEC-Messegebäude in Birmingham verlangen dies von den Besuchern der Crufts gnadenlos. Die Tore wurden pünktlich um 08.15 Uhr Ortszeit geöffnet, obwohl sich die Notwendigkeit auf Einhaltung einer genauen Einlaßzeit niemandem so richtig erschloss. Gnadenlos sind auch die Preise (16 Pfund Eintritt, 7 Pfund Katalog, bei 100 € Umtausch   4,99 Pfund Bearbeitungsgebühren und 3,99 Pfund Steuern). Trotzdem zieht es die halbe Welt jedes Jahr wieder zur Crufts; sei es wegen der Beardies, sei es, um sich gegenseitig wegen der hohen Preise zu trösten.  

Zu Beginn war zunächst einmal nicht nach vollziehbar, warum Miss Lesley Tomlinson eine ganze Stunde eher mit dem Richten der Hündinnen begann, als ihr männlicher Kollege,                            Mr. Robert J. Manning, der dann auch prompt mehr als eine Stunde mehr Zeit brauchte, um mit dem Richten der Rüden fertig zu werden.  

Mit 328 gemeldeten Beardies (Mehrfachmeldungen sind außerdem noch zu berücksichtigen) hat Crufts im Vergleich zu anderen Ausstellungen natürlich auch in diesem Jahr wieder eine absolut unerreichte Spitzenstellung. Und wenn man darüber hinaus bedenkt, dass sich die hier zugelassenen Hunde alle irgendwie qualifizieren mussten, erscheint der Abstand zu anderen großen europäischen Ausstellungen noch größer.  

Aber ist das wirklich so?

Ich muss offen gestehen, dass mich die Gesamtqualität weder der Rüden noch der Hündinnen wirklich überzeugt hat und auch die Präsentation ist nicht unbedingt besser als z. B. in Deutschland, in den BE-NE-LUX-Ländern, in der Tschechei, in Österreich oder der Schweiz.

Kaum einer der Aussteller hat die Ausmaße der riesengroße Ringe genutzt, um das mühelose Gangwerk eines Beardies zu zeigen; kaum einer ist in einer geraden Linie gelaufen. Im Kreis zu Laufen ist scheinbar auch auf der Crufts nicht so einfach und dies schon gar nicht gemeinsam, so dass „Stau`s“ und „Auffahrunfälle“ an der Tagesordnung waren. Die hohe Rutenhaltung konnte bereits in den Jugendklassen beobacht werden und auch die üblichen „Malheure“ passieren auf der Crufts.  

Ein einheitlicher Trend war bei den Beardies überhaupt nicht zu erkennen. Man kann das mit „wundervolle Vielfalt“ nett umschreiben, aber es impliziert versteckt, dass dies eben nicht auf hohe Qualität hindeutet (Spitzenexemplare natürlich ausgenommen). In der Gesamterscheinung überwiegten die eher kurzen und hochbeinigen Exemplare (der Standard spricht aber von 4:5, Hündinnen dürfen sogar noch etwas länger sein). Zu helle Augen, schmale Köpfe und besonders schmale Unterkiefer häuften sich genauso wie kurze Rippen, stark abfallende Kruppen und damit schlechte Rückenlinien. Auch die Vorhandwinkelungen sind nicht besser geworden und ermöglichen den Beardies eben nicht den gewünschten Vortritt, der zu einem mühelosen, schwebenden Bewegungsbild führt.  

Neu für mich - und deshalb unbedingt erwähnenswert - ist, dass sich offenbar die in den 70-er Jahren noch häufiger anzutreffenden stark gewellten bis gelockten Haare wieder zeigen, vor allem bei lackschwarzen Exemplaren. Bei Durchsicht der Stammbäume dieser Beardies fällt auf, dass diese alle von einem recht populären Deckrüden abstammen. Sollte sich dieser  Trend durchsetzen, befürchte ich, dass diese Entwicklung nicht an der englischen Küste halt machen wird und somit auch die Beardies bei uns wieder „unterschiedlicher“ werden.   

Auch die Auswahl der Richter hätte kaum unterschiedlicher sein können. Auf der Seite der Rüden der rüstige Mr. Manning im 85. Lebensjahr mit der Energie eines englischen Offiziers, sicher im Auftritt sowie unmißverständlich und schnell in seinen Entscheidungen. Auf der anderen Seite die noch relativ junge Miss Tomlinson: einfühlsam, aber nicht sehr energisch. Nachdem sie eine ganze Klasse durchgerichtet hatte, brauchte sie stets noch viel Zeit, um eine engere Auswahl zu bilden und tat sich auch mit der Platzierung sehr schwer.  

Dass die von ihr ausgesuchte beste Hündin „Philemon Secret Smile“ zweifellos besser war, als der von Mr. Manning favorisierte Ciopar Flash Fisichella, wurde allerdings auch vom internationalen Publikum so gesehen, das mit frenetischem Beifall für die Hündin dem als Schiedsrichter (Referee) hinzugezogenen Mr. Robin Searle keine Chance lies, eine andere Entscheidung zu treffen. Diese wunderschöne Hündin ist von Frau Kerstin Selle gezüchtet worden und macht der deutschen Bearded-Collie-Zucht damit natürlich viel Ehre. Außerdem ist eine solche Hündin der beste Beweis dafür, dass es auch außerhalb der Insel gelingen kann, international konkurrenzfähige Hunde zu züchten.

Philemon Secret Smile hat ihre Rasse auch im Gruppenwettbewerb der Gruppe 1 (Pastoral) angemessen vertreten und kam mit dem 3.ten Platz  noch aufs Treppchen.  

Rolf Blessing

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