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Anfängerzüchter  

oder nun kann es endlich losgehen.  

Von Gotthold Ephraim Lessing stammt der Spruch: Der langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder als jener, der ohne Ziel herumirrt.  

Nach dieser bescheidenenen Maxime sollte jemand, der eine Beardie-Zucht beginnt - und damit natürlich auch über viele Jahre plant -, handeln oder sie zumindest nicht aus den Augen verlieren.  

Der erste Beardie-Welpe ist im Haus. Mag seine Anschaffung ein Zufallsprodukt, das Ergebnis viele Recherechen und langer Beschäftigung mit einschlägiger Literatur oder ein bißchen von allem sein, irgendwann kommt der eine oder andere Besitzer auf die Idee Züchter zu werden und irgendwann ist es dann auch so weit, dass alle Formalitäten erfüllt sind.  

Hier gibt es zwei Situationen zu unterscheiden:  

habe ich eine Hündin  = kein Problem mit dem Zuchtstart.  

habe ich einen Rüden = ein kleines Problem beim Zuchtstart.  

Viele Rüdenbesitzer hoffen natürlich, dass die Nachfrage der Hündinnenbesitzer groß ist und alle die Vorzüge und Qualitäten des eigenen Rüden erkannt haben. Ist das der Fall und klappt alles, steht dem eigentlichen Zuchtbeginn mit einer Tochter des eigenen Rüden nichts mehr im Wege. Läßt die Nachfrage jedoch auf sich warten und ziehen darüber Monate und Jahre übers Land, bleibt oft nur der Erwerb einer eigenen Zuchthündin und der späteren Verpaarung mit dem eigenen Rüden. Diesen Weg haben einige bedeutende Beardiezüchter zu Anfang beschritten (z. B. Henk Hanssen mit Mitchell’s Barney und Beagold Emma Jean) und damit einen guten Grundstein legen können. Der Vorteil ist hier, dass ich 50 % der Verpaarung über viele Jahre kenne und sehr gezielt die Weiblichkeit danach aussuchen kann.

Damit will ich die Hündinnen-Anfängerzüchter nicht verprellen, aber wenn eine Hündin mit 2-3 Jahren ihren ersten Wurf hat, so ist sie noch ein halbes Kind und wird oft erst durch diesen Wurf erwachsen. So richtig ausgereift und mit allen charmanten Eigenschaften und Macken erlebt man Beardies eigentlich erst in späteren Jahren. Und könnte dann natürlich auch besser beurteilen, welche züchterischen Eigenschaften der Partner haben soll, um das gewünschte Zuchtziel zu erreichen.  

Natürlich wird der Alt-Züchter oder besser gesagt der Züchter des ersten Welpen auch helfen können, ja sogar seine Hilfe ausdrücklich anbieten, da er ja seine Erfahrungen schon gemacht hat. Aber oftmals ist dies der Zeitpunkt, wo der Neuzüchter keinen Rat möchte, weil er ja nun eigene Wege gehen will und nicht all dies nachmachen oder wiederholen will, was andere vor ihm schon getan haben. Das ist so wie in der Familie, wenn die Kinder „flügge“ werden. Sie sind Papa und Mama nicht böse, aber sie ziehen aus dem Elternhaus aus, weil sie etwas Eigenes haben wollen.  

Und dann kann es nun endgültig losgehen. Auf die vielen gescheiterten Deckversuche und den damit verbundenen Ärgernissen will ich hier nicht weiter eingehen, sondern zur Fortführung des Themas unterstellen, dass auch der ausgewählte Deckrüde die junge Hündin bzw. die Tochter des Erstbeardies erfolgreich gedeckt hat. Ich will auch nicht auf die vielen gesundheitlichen Problemmöglichkeiten eingehen, die bei einer Schwangerschaft und der Geburt, sowie der Aufzucht eines Wurfes auftreten können (bei Beardies allerdings längst nicht oft vorkommend, da sie - entgegen schon mal anders lautender Einschätzungen – eine sehr robuste Rasse sind und noch sehr natürliche Instinkte haben).  

Sondern ich will auf das Ergebnis der Verpaarung schauen. Denn da liegt das Gold in der Wurfkiste und jetzt kommt es darauf an, damit weiter zu machen.  

Aber welche Welpen (Hündin oder Rüde) wählt man aus? Den Welpen mit dem größten Kragen oder den mit dem wenigsten Weiß? Den knuffigsten oder den süßesten, den lebendigsten, den gemütlichsten usw.? Und wann sollte man die Entscheidung treffen? Nach der Geburt, mit einer Woche, mit zwei, oder lieber mit sechs oder acht Wochen oder noch später ? Oder sollte lieber ein anderer die Entscheidung treffen, der Arzt, der Altzüchter oder der Zuchtwart?  

Fragen über Fragen und keiner da, der einem die Antwort abernehmen kann?  

Erst jetzt kommt dem einen oder anderen der Gedanke, dass es vielleicht hilfreich sein könnte, wenn man vorher einige Würfe und deren anfängliche Entwicklung schon gesehen hätte. Dazu kann ich nur dringend raten.

Und wenn es sich ergibt, sollte man sich auch nicht vor anderen Rassen scheuen. Man kann eine ganze Menge lernen.  

Auch die einschlägige Beschäftigung mit dem Gebäude eines Bearded Collie‘s ist eine große Hilfestellung, wenn einem die Begriffe etwas sagen. Wo genau liegt denn beim Beardie die Schulter und wo der Oberarm? Wo findet man das Knie und den Oberschenkel ? Wann ist ein Schädel als flach zu bezeichen, aber wann ein Unterkiefer zu schmal?

Was genau heißt eigentlich 4:5 ?  

Und wie war das mit den Ausstellungen ? Hier kann man auch etwas lernen? Zwei bis drei im Jahr im Umkreis von 50 bis 100 km, mehr ist oft nicht drin, weil man ja am Wochenende etwas anderes zu tun hat, als in der Gegend rum zufahren und außerdem ist das nichts für einen Beardie, so lange im Auto zu sitzen.   

Irgendwann ist die Wahl getroffen und dann kann es nun endlich losgehen.  

Der selbst gezüchtete Welpe wächst, blüht und gedeiht prächtig, es gibt keine gesundheitlichen Probleme und seine erste Ausstellung ist geplant und wird bald Wirklichkeit. Es läuft alles wie am Schnürchen, so dass der zweite Wurf schon bald in der Planung ist und irgendwann dann auch zur Ausführung kommt.  

Auch hier sei unterstellt, das alles gut gelaufen ist. Jetzt ergibt sich immer wieder die Frage, ob aus dem zweiten Wurf auch ein Welpe zuhause bleiben darf oder sogar zwei (Rüde und Hündin). Natürlich wird es im Haus langsam eng, aber die züchterischen Aspekte gehen im Augenblick natürlich vor.  

Oft folgt im Anschluß daran eine Phase, wo viele über eine zweite Linie in der eigenen Zucht nachdenken und was liegt da näher, als eine weitere Hündin mit fremden Blutlinien anzuschaffen. An dieser Stelle kommt oft „England“ ins Spiel, weil es das Herkunftsland der Beardies ist und dort angeblich die „Crême de la Crême“ zu bekommen ist. Natürlich gilt hier der Grundsatz : Was nichts kostet, ist auch nichts!“, deshalb darf man für eine englische Hündin ruhig mal etwas tiefer in die Tasche greifen. Und warum soll man sich die Mühe machen, die Hündin selbst auszuwählen, bzw. darauf bestehen, sie selbst aussuchen zu dürfen; es ist doch einfacher, sich blind darauf verlassen zu können, was einem der englische Züchter aussucht.   

Um es vorsichtig auszudrücken: viele Beardie-Züchter waren im Nachhinein über diesen Schritt nicht glücklich, und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Häufig bekommt der Anfängerzüchter ein Problem im Rudel, was man mit „Unverträglichkeiten“ nett beschreiben könnte. In manchen Fällen hatten die Importe zuchtausschließende Fehler, andere entsprachen in ihrem späteren Erscheinungsbild nicht im Entferntesten dem, was der englische Zwinger so normalerweise vorzuweisen hatte.  

Aber auch darüber kommt der Züchter hinweg. Und da man ja nun hinreichend Erfahrungen hat, kann es mit der Zucht nun so richtig losgehen.  

An dieser Stelle, ich lege mich hier nicht auf den 3.ten, 4.ten oder 5.ten Wurf fest, scheidet sich gerne die Spreu vom Weizen. Manche Anfänger-Züchter legen nun eine Wurfgeschwindigkeit hin, die man Ihnen vorher nicht zugetraut hätte. Allerdings stellt man hier vielfach fest, dass oft nur noch mit den eigenen bzw. erworbenenHunden gezüchtet wird, was langfristig die genetische Vielfalt stört.  

Auch stellen sich irgendwann Probleme ein. Was in den eigenen Augen, den eigenen vier Wänden oder innerhalb des eigenen Gartens so gut klappte und gefiel, stellt sich im Vergleich mit der Konkurrenz nun möglicherweise als unauffällig, unterentwickelt, unerzogen oder mit Fehlern behaftet heraus. Es geht nicht mehr alles so glatt mit der Belegung, der Schwangerschaft oder der Geburt. Kein Wunder, denn man hat ja auch nicht mehr so viel Zeit und die Hütte ist ja schon voller Hunde, um die man sich auch kümmern muß. Absatzschwierigkeiten stellen sich ein, Besitzer geben ihre Hunde wieder zurück usw.

Die Konsequenz ist oft, dass man diese Züchter nicht mehr oder nur noch wenig auf Ausstellungen sieht und die Qualität der Zucht oftmals zumindest nicht weiter steigt.  

Andere Züchter kommen über den 3.ten Wurf nicht hinaus (sog. „ABC-Züchter“), weil eben der entscheidende Schritt aus welchen Gründen auch immer (oft in der Familie begründet) nicht getan werden kann, nämlich die eigenen Verhältnisse so zu organisieren, dass es passt. Dies hat auch mit Investitionen zu tun, denn spätestens nach drei Würfen sind viele Familienangehörige die Preisgabe ihres Wohnzimmers leid und denken z. B. über bauliche Veränderungen nach.  

Die Euphorie ist verflogen, Realität und Frust holen einen solchen Anfänger schnell ein und das war es dann. Herrchen widmet sich endlich seiner lange liegen gebliebenen Briefmarkensammlung und Frauchen wieder der Gartenarbeit.  

Viele langjährige und dauerhaft erfolgreiche Züchter sind deshalb so weit gekommen, weil sie uneingeschränkte Unterstützung in der Familie hatten. Im Alleingang läßt sich so etwas nicht lange durchhalten und wenn der Rest der Familie streikt, streckt auch der Beharrlichste bald seine Waffen.

 

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